Vellmar/Frankfurt: Vom Ekelraum zum Wohlfühlort: Chipkarte für Schultoiletten

Statt Gestank und Vandalismus jetzt Pflanzen, Spiegel und schöne Fliesen: Wie eine Schule und ihre Schüler in Vellmar gemeinsam für mehr Sauberkeit und Wertschätzung auf dem Schulklo sorgen.

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Täglich bestens informiert mit den aktuellen Nachrichten auf news.de (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / natali_mis

Mosaikfliesen, Grünpflanzen, ein großer Ganzkörperspiegel, warme Wandfarben: Die Schülertoiletten der Ahnatalschule in Vellmar (Landkreis Kassel) muten eher an wie ein WC in einem Wellnesshotel denn in einer pädagogischen Einrichtung. Benutzen dürfen sie nur Schülerinnen und Schüler mit einer speziellen Chipkarte. 20 Euro Pfand hinterlegen sie dafür.

Verschmutzungen, Vandalismus, brennendes Klopapier in den Toilettenschüsseln - die Situation sei zuvor für alle unzumutbar gewesen, berichtet der Leiter der integrierten Gesamtschule, Manuel Coote. Die große Mehrheit der Schülerinnen und Schüler nutze die Toiletten verantwortungsvoll und verlasse sie ordentlich, betont er. Aber es gebe eben diese zwei bis drei Prozent, die das nicht täten. Probleme mit Schultoiletten dürften Schulen auch noch nach den jetzt anstehenden Sommerferien landesweit beschäftigen.

Schüler wollten Toilettengang vermeiden

"Eine Reinigungskraft ist psychisch zusammengebrochen", schildert Coote. Eltern hätten berichtet, dass ihre Kinder morgens nichts mehr hätten trinken wollen, damit sie während der Schulzeit die Toilette nicht nutzen müssten.

Mit allen Beteiligten im Boot habe man dann das Chipkartensystem geplant und umgesetzt. Dazu wurden mit ehrenamtlicher Hilfe eine Mädchen- und eine Jungen-Toilette saniert. Der Haustechniker der Schule etwa habe unter anderem die Fliesen verlegt, berichtet Coote. Zwischen 5.000 und 6.000 Euro habe die Renovierung der WC-Räume die Schule gekostet. "Aber es lohnt sich."

300 Chipkarten ausgegeben

Die Schüler hielten die sanierten Toiletten sauber. Und wenn doch mal ein WC nicht ordentlich hinterlassen wird, kann anhand der Chipkartendaten, die 72 Stunden gespeichert werden, zumindest grob nachvollzogen werden, wer sich im fraglichen Zeitraum in dem Toilettenraum befunden hat. "Es geht dabei nicht um Kontrolle", betont Coote. "Es geht darum, Vandalismus zu verhindern und die Verantwortung der Schülerinnen und Schüler zu stärken."

300 der Chipkarten hatte die Schule bestellt, die sind inzwischen alle im Umlauf. "Und wir haben schon nachbestellt", sagt Coote. Er erwartet, dass sich 600 bis 700 der rund 1.000 Schüler für das Chipkartensystem entscheiden. "Allen übrigen stehen natürlich weiterhin die herkömmlichen Schultoiletten offen."

Schüler fühlen sich wohler

Die Schüler sind von dem Konzept angetan. Sie konnten vor der Sanierung bei einer Umfrage Gestaltungswünsche äußern, die umgesetzt wurden. Die Schülervertretung (SV) beteiligt sich in den Pausen an der Aufsicht in den neuen Toiletten. "Ich habe von sehr vielen gehört, dass sie das sehr gut finden, auch mit den Spiegeln und der ganzen Gestaltung", sagt der 16-jährige Kilian, der Mitglied der SV ist. In seinem Jahrgang achteten jetzt alle besonders darauf, nichts auf der Schultoilette zu hinterlassen, "damit sie so einen Wohlfühlort bekommen wie zu Hause".

Die renovierten Toiletten seien deutlich schöner, sagt auch das SV-Mitglied Zoe. "Sie sind moderner, man fühlt sich wohler und es gibt in Zukunft auch Hygieneständer bei den Mädchen", berichtet die 15-Jährige. "Auf den anderen Toiletten war es schon eklig. Ich habe mich unwohl gefühlt und habe versucht, nicht auf Toilette zu gehen."

Es gibt auch Kritik

Die meisten ihrer Mitschüler sähen das Chipkarten-Konzept positiv. "Aber es gibt natürlich auch negative Meinungen, wie halt, könnte das überwacht werden", sagt Zoe, die ebenfalls Mitglied der Schülervertretung ist. "Aber es wird ja nur im Notfall nachgeguckt." Manchen seien 20 Euro Pfand auch zu teuer. Am Geld solle es nicht scheitern, sagt Schulleiter Coote. "Wer sich das nicht leisten kann, kann Unterstützung durch den Förderverein der Schule bekommen."

"Die Würde des Menschen fängt mit den Grundbedürfnissen eines Menschen an. Und das Grundbedürfnis eines Toilettenganges wird manchmal außen vor gelassen in Schulen", meint Coote. "Ich glaube, dass eine ordentliche, saubere Toilette, auf der ich eben einfach etwas loswerden kann, ohne mich danebenbenehmen zu müssen, die aber auch im Raum schon Wertschätzung mir gegenüber ausdrückt, ein Grundbaustein ist."

Wunschliste für Renovierung

Auch andere Schulen setzen auf Aufwertung, Mitwirkung und Präsenz – und berichten von einem nachhaltigen Effekt. An der Helmholtzschule in Frankfurt etwa sind dreckige, beschmierte und beschädigte Toiletten seit vielen Jahren nicht mehr zu finden. Im Schuljahr 2017 und 2018 stand an dem Gymnasium die Renovierung der Toiletten an. Damals sah sich die Arbeitsgruppe "Schülerinitiative" frisch renovierte Toiletten an anderen Schulen an und trug eine Wunschliste zusammen, wie sich Schulleiter Gerrit Ulmke erinnert.

Auf dieser Wunschliste standen unter anderem berührungsfreie Spültasten, Schminkspiegel für die Mädchen, Handtuchspender, Handtuchtrockner und Lautsprecher. "Dies alles wurde dann auch umgesetzt", sagt Ulmke. Außerdem durften die Schülerinnen und Schüler über die Motive der Fototapete abstimmen – es wurden Fotos aus der Stadt Frankfurt.

Vandalismus extrem zurückgegangen

Und wie sehen die Toiletten acht Jahre nach dem Projekt aus? "Die Schultoiletten sind nach wie vor in einem sehr guten Zustand", berichtet der Schulleiter. "Vandalismus und Verdreckung sind extrem zurückgegangen." Es gebe zudem eine Präsenzkraft, die mehrmals täglich die Schultoiletten reinige, "so dass die Schülerinnen und Schüler immer saubere Toiletten vorfinden". Schulhausverwalter sorgen laut Schulleiter zudem dafür, dass Schmierereien und Beschädigungen beseitigt und repariert werden.

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